Kirstin Mitz und Mutter

Das Alter ist schuld? Denkste….

„Seit ich über 50 bin, nehme ich stetig zu. Nichts hilft. Und ständig kommen neue Beschwerden dazu, die es noch schwerer machen, etwas für mich zu tun.“

Wohl der häufigste Satz, den ich von Frauen 50+ gehört habe.

Und er ist falsch.

Ich weiß, was du jetzt denkst: Du hast schon alles probiert. Ernährung umgestellt, mehr bewegt, Kalorien gezählt. Und trotzdem rückt der Zeiger auf der Waage stetig in die falsche Richtung – oder er steht still.

Ich weiß das, denn ich erlebe das gerade selbst. Zumindest fühlt es sich zeitweise so an. Und trotzdem ist es falsch – das weiß ich zum Glück auch.

Wie ich darauf komme?

Du nimmst nicht plötzlich zu, weil du über 50 bist. Du behandelst deinen Körper schon länger so, dass ihm keine andere Wahl bleibt. Denn jetzt kommen Hormonmangelzustände dazu – und die bringen alles ans Licht, was vorher schon nicht so optimal gelaufen ist.

Vielleicht bewegst du dich seit Jahren zu wenig. Muskeln bauen mit dem Alter ohnehin ab. Vielleicht isst du zu zuckerlastig oder hast Nährstoffmängel. Das alles kann dazu führen, dass wir zunehmen, uns schlapp fühlen, neue Beschwerden entwickeln.

Bei mir passiert es gerade auch. Ich habe über die letzten zwei, drei Jahre zugenommen und kämpfe jetzt damit, das wieder runterzubekommen.

Wobei – das stimmt so auch nicht. Das Gewicht ist mir eigentlich herzlich egal. Was mich stört, sind die Begleiterscheinungen. Meine Lieblingskleider passen nicht mehr, ich bin öfter müde, fühle mich schwerfällig. Und dabei geht es gar nicht um so viele Kilos. Vielleicht fünf bis sieben. Aber die sitzen hartnäckig, vor allem am Bauch.

Warum das passiert ist? Nicht, weil ich über 50 bin. Sondern weil ich irgendwann aufgehört habe, auf mein Essen zu achten. Schleichend. Ich habe nicht weniger gegessen, sondern die falschen Dinge. Mehr Süßes mit Zucker statt selbstgebackenes. Viel Fertigessen unterwegs statt selber kochen. Wenig bis gar keine Bewegung.

Weil ich zeitweise über Monate krank war, immer wieder. Oder mich um andere gekümmert habe, die krank waren – teils Pflege von Angehörigen, der Rest dank dem unerschöpflichen Virennachschub aus dem Kindergarten meines Enkels, der die ganze Familie wochenlang ausgeknockt hat.

Das klingt nach Ausrede, ich weiß. Und ehrlich – ich hatte in der Zeit keine Kraft und keine Energie, um selbst zu kochen. Mich mehr zu bewegen schon gar nicht. Aber hätte ich es nicht vorher schon alles ein bisschen schleifen lassen, wäre es wohl nicht so dramatisch geworden. Jetzt muss ich die Suppe auslöffeln.

Seit ein paar Wochen ernähre ich mich wieder bewusster, bewege mich mehr und habe vor allem mein Krafttraining wieder angefangen. Man sollte meinen, dass sich das auszahlt.

Und weißt du was? Tut es. Nur eben nicht da, wo man zuerst hinschaut.

Auf der Waage tut sich nämlich – nichts. Null. Aber meine Kleidung sitzt schon wieder lockerer. Und ich fühle mich besser, habe mehr Energie, bin beweglicher.

Das hat mich an etwas erinnert, das ich eigentlich längst weiß und trotzdem immer wieder vergesse: Die Zahl auf der Waage sagt so wenig. Wir machen uns von ihr abhängig und vergessen darüber zu leben. Wir übersehen dabei, wie wir uns fühlen, unabhängig von der Meinung anderer. Unabhängig vom Bild, das wir von außen in Dauerschleife aufgedrückt bekommen.

Ich finde, hier braucht es genauso eine gute Balance, wie beim restlichen Leben auch. Es geht doch nicht darum, ein bestimmtes Gewicht zu erreichen. Es geht darum, beweglich zu sein und sich gesund zu fühlen, um all die Dinge tun zu können, die uns das Leben bietet.

Womit wir zum zweithäufigsten Argument kommen, das ich ständig höre:

Warum soll ich mir denn mein Leben vermiesen? Kein Süßes mehr, kein Glas Wein, nie mehr schön essen gehen. Ganz ehrlich – ich bin die Letzte, die darauf verzichtet.

Aber genau da liegt der Denkfehler: Es geht gar nicht um Verzicht.

Es geht noch nicht mal so sehr um die Menge, sondern viel mehr um die Qualität, die Inhaltsstoffe und den Ausgleich.

Ich muss nichts Süßes weglassen, ich kann es mir gesünder selber machen. Es gibt heute unzählige gesündere Alternativen, die genauso lecker sind. Sie machen halt nur mehr Arbeit, weil ich mich dafür selbst in die Küche stellen muss – oder sie kosten mehr, wenn ich sie fertig kaufe.

Das ist der ganze Unterschied. Und die angeblich verlorene Lebensqualität? Die kommt sonst trotzdem – nur später und dann als echte Beschwerde, die einem das Leben in viel größerem Ausmaß einschränkt.

Zurück zu meiner Behauptung von oben.

Steigendes Gewicht und zunehmende Beschwerden kommen selten vom Alter.

Sie entstehen durch unser Verhalten. Unser Umgang mit uns selbst. Und damit meine ich nicht nur Ernährung und Bewegung. Es geht um den Wert, den wir uns selbst geben. Viele Menschen kümmern sich mit mehr Hingabe um ihr Auto oder um andere Familienmitglieder – und vergessen sich dabei selbst. Ich weiß das, weil mir das auch manchmal passiert.

Dazu gehört auch, wie viel Stress wir uns machen. Ja, machen, nicht dem ausgesetzt sind.

Gehörst du auch zu den Frauen, die meinen, immer alles allein erledigen zu müssen? Das gewöhne ich mir gerade ab. Denn es zeugt nicht von Stärke, alles allein stemmen zu wollen – im Gegenteil, es ist ziemlich kurz gedacht. Denn wenn du am Ende auf der Strecke bleibst, profitiert niemand sonst mehr von deiner Hilfe und du selbst am allerwenigsten.

Warum also nicht einfach mal die Füße hochlegen, wenn der Partner genauso einkaufen gehen könnte? Warum sich nicht ein schönes Bad gönnen und die Kinder mit dem Hund rausschicken? Freunde oder Nachbarn um Hilfe fragen? Denn das zeugt nicht von Schwäche, sondern von innerer Stärke. Weil du damit Raum schaffst für wirklich wichtige Dinge.

Was ich erst vor Kurzem so richtig für mich begriffen habe:

Es heißt nicht Wechseljahre, weil die Hormone weniger werden. Sondern weil ein neuer Lebensabschnitt beginnt – einer, den ich jetzt aktiver gestalten kann als früher.

Früher, da waren die Kinder noch klein. Heute sind es die Enkel oder Eltern, die betreut werden müssen. Ja, das kann auch einschränken. Was ich früher noch nicht hatte, ist aber die Erfahrung und das Bewusstsein, klare Grenzen zu setzen.

Das gilt ganz besonders für die Wechseljahre. Denn auch hier kann ich selbst entscheiden, wie sehr ich mich davon einschränken lasse. Ich kann mich bewusst für oder gegen Hormone entscheiden, beispielsweise. Und damit für oder gegen hormonmangelbedingte Krankheiten. Denn es sind die Hormone und ihre Wechselwirkungen, die später mitentscheiden, ob wir Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme, Osteoporose und vieles mehr bekommen – oder eben nicht.

Da gehe ich ein andermal genauer drauf ein. Nur so viel: All das ist kein Schicksal und keine Sache der Gene. Es ist beeinflussbar. Im Guten wie im Schlechten.

Wenn dir also das nächste Mal jemand sagt „das ist halt so im Alter“, dann sei dir sicher: Das meiste davon ist eine Ausrede und keinesfalls altersbedingt.

Ja, der Körper baut ab. Aber wie er das tut, bestimmen wir zu einem großen Teil selbst.

Und ja, niemand will das hören. Denn es heißt ja auch, dass wir zu einem großen Teil selbst verantwortlich sind. Dafür, wie es uns geht. Wie viel wir zu- oder abnehmen. Wie beweglich wir bleiben.

Es ist eben so viel leichter, das Alter vorzuschieben. Die Gene, irgendein Wehwehchen, den übervollen Alltag oder böses Karma – und es sich damit auf dem Sofa gemütlich zu machen.

Kann man machen. Ich für meinen Teil gehe lieber den auf den ersten Blick anstrengenderen Weg. Auf den zweiten ist er eine reine Sache von Gewohnheit.

Was am Anfang anstrengend erscheint, erspart mir am Ende genau das.