
Wenn ein Begriff alles und nichts bedeutet
Wenn du den Begriff Selbstpflege googelst – die direkte Übersetzung von Selfcare –,
tauchen zuerst Artikel zu Pflegestufen auf.
Direkt danach folgen Sinnsuche, Resilienz und schließlich Körperpflege.
Physische Selbstpflege, Selbstpflege im Beruf, Selbstpflege für Angehörige, Wellness.
Ich bin schon gestresst, wenn ich mir anschaue, was alles unter diesen Begriff fallen soll.
Übersetzt man Selfcare mit Selbstfürsorge, wird es nicht übersichtlicher.
Dann erscheinen unzählige Ratgeber darüber, wie man „gut zu sich“ sein soll – oft mit einem Hang zu Spiritualität und dauerhaftem Glück.
Entschuldige, wenn ich dabei leicht sarkastisch klinge.
Ich möchte diese Themen nicht ins Lächerliche ziehen.
Im Gegenteil: Ich halte es für sehr wichtig, gut auf sich zu achten – in jeder Hinsicht.
Was mich irritiert, ist etwas anderes:
Dass etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, heute so stark vermarktet wird.
Wie konnte es so weit kommen, dass wir nicht mehr selbstverständlich in der Lage sind, gut auf uns zu achten?
So sehr, dass wir erst im Burnout landen – oder im Internet – und von außen nach Hilfe suchen für etwas, das eigentlich in uns liegt?
Selfcare jenseits von Marketing und Methoden
In jüngeren Jahren habe ich mir über solche Begriffe wenig Gedanken gemacht.
Wenn Selfcare damals überhaupt thematisiert wurde, ging es meist um Wellness, Abschalten, Kraft tanken vom stressigen Alltag.
Dabei habe ich früh wirkliche Selfcare betrieben – unbewusst.
In beruflichen wie privaten Situationen habe ich immer dann reagiert, wenn ich gemerkt habe, dass meine Seele oder mein Körper leiden.
Ich habe mich aus Situationen befreit, die sich nicht mehr gut angefühlt haben. Die Konsequenzen haben mich nicht davon abgehalten.
Entscheidend war für mich das Bedürfnis, dass ich mir wieder gut fühle – bzw. mein Leben nach meinen Vorstellungen läuft, nicht nach denen anderer.
Ob Ehe, Arbeitgeber oder Freundschaften – wenn etwas dauerhaft nicht stimmig war, habe ich mich davon verabschiedet.
Für mich bedeutete Selfcare unbewusst schon immer:
Sich im eigenen Leben wohlzufühlen.
Denn dass das Leben begrenzt ist, habe ich früh gelernt. Als Kind hatte ich zwei große Operationen, die mir gezeigt haben, wie schnell es mit dem Wohlfühlen vorbei sein kann.
Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich einen gesunden Egoismus entwickelt habe, wenn es um mein Lebensgefühl geht. Vielleicht war es auch einfach schon immer ein Teil meines Charakters.
Letztlich ist das aber nicht wichtig.
Wenn Aufmerksamkeit kippt
Ich habe mein ganzes Berufsleben im Gesundheitswesen verbracht. Ich habe viele Menschen gesehen, deren Leben durch Krankheiten beeinträchtigt war – manchmal ohne erkennbaren Grund, manchmal durch eigene Entscheidungen.
Das hat in mir lange den Wunsch geweckt, besonders gut auf meinen Körper und meine Ernährung zu achten. Was mir mal mehr, mal weniger gut gelungen ist.
Viele Jahre habe ich versucht, dieses Wissen auch an andere weiterzugeben.
Weil ich mehr Bewusstsein dafür schaffen wollte, wie sehr Ernährung und Lebensstil dazu beitragen, wie wir älter werden und wie es uns im Alter ergeht.
Heute sehe ich das differenzierter.
Ernährung ist wichtig.
Hormone sind wichtig.
Lebensstil und Mindset ebenfalls.
Solange wir daraus kein Projekt machen, das nicht mehr Teil unseres Lebens ist, sondern es zunehmend bestimmt.
Vielleicht kennst du das, wenn du für etwas brennst, leidenschaftlich von einem Thema begeistert bist. Dann siehst du kaum noch etwas anderes. Das kann sehr positiv sein, solange es nicht in Besessenheit ausufert. Weil es dann nicht mehr bereichert, sondern alles andere aus deinem Leben verbannt.
Genau das passiert vielen Frauen, wenn ihr Bedürfnis nach Selfcare in einem Körperprojekt endet.
Aufmerksamkeit für den Körper ist sinnvoll.
Als Teil des Lebens – sonst wird sie schnell zur nächsten Baustelle.
Der Körper als Dauerbaustelle
Ich habe in all den Jahren viele Frauen getroffen – und kenne es auch aus eigener Erfahrung –, die vor allem eines wollten: bloß nicht zunehmen. Und wenn doch, dann möglichst schnell wieder das alte Gewicht erreichen. Egal wie.
Auch ich habe früher geglaubt, ein schlanker Körper sei gleichbedeutend mit Gesundheit oder einem guten Körpergefühl.
Das Problem daran ist nicht der Wunsch nach Wohlbefinden.
Das Problem ist, dass der Fokus irgendwann so sehr auf Gewicht, Aussehen und Äußerlichkeiten liegt, dass darüber das eigentliche Leben in den Hintergrund rückt.
Oder ganz verschwindet.
Mal ganz davon abgesehen, dass Äußerlichkeiten sowieso subjektiv sind.
Dabei wäre es oft andersherum einfacher:
Wer die Dinge tut, die er liebt – beruflich oder privat –, dem geht es häufig auch körperlich besser.
Nicht, weil dann alles perfekt ist.
Sondern weil das Leben im Vordergrund steht.
Das ist für mich wahre Selbstfürsorge.
Zeit ist nicht verhandelbar
Im letzten Jahr habe ich das wieder sehr deutlich erlebt. Eine Verwandte erlitt mit 83 Jahren einen Schlaganfall. Bis dahin war sie topfit, lebte selbstständig, versorgte sich allein. Von einem Tag auf den anderen war alles vorbei.
Man könnte sagen: In diesem Alter nicht ungewöhnlich.
Aber es gibt genug Beispiele, in denen Krankheiten, Unfälle oder unerwartete Ereignisse auch viel früher das Leben von heute auf morgen verändern.
Auf vieles haben wir keinen Einfluss. Und ich finde auch nicht, dass man in ständiger Sorge leben sollte, dass etwas passieren könnte.
Aber es schadet nicht, sich das öfter mal bewusst zu machen.
Vielleicht als eine Art Ritual:
Sich jedes Jahr mindestens eine Sache nicht nur vorzunehmen, sondern wirklich anzugehen – die auf der eigenen Wunschliste steht. Und wenn sie nicht sofort umsetzbar ist, zumindest die ersten Schritte zu gehen.
Denn kein Resilienzkurs, kein Wellnessprogramm und kein kurzer Urlaub wird ein Leben langfristig verändern. Das sind alles nette Gelegenheiten, Luft zu holen oder Energie zu tanken.
Wahre Selfcare sitzt tiefer.
Sie hat nichts mit Konsum zu tun.
Und wenig mit einem attraktiven Äußeren.
Sie sorgt dafür, dass wir uns später nicht sagen müssen:
Hätte ich bloß meine Träume erfüllt, solange noch Zeit war.
Erst kommt das Leben. Punkt.
Beruflich habe ich meinen Fokus komplett verändert.
Für mich gilt heute:
Erst kommt das Leben.
Und dann kommt der Körper mit.
Nicht umgekehrt.
Was das für mich persönlich heißt?
Ich umgebe mich mit Menschen, die ich mag.
Ich mache eine Arbeit, die ich liebe.
Ich frage mich regelmäßig, welche Träume oder Wünsche in Vergessenheit geraten sind – und was ich davon wieder hervorholen möchte.
Und ich bleibe neugierig aufs Leben.
Anfang des Jahres war ich mit meiner Familie im Skiurlaub. Meine Tochter fährt leidenschaftlich gern Ski, mein Schwiegersohn wollte es lernen und hatte sich einen privaten Skilehrer gebucht. Kurz vor dem Urlaub meinte sie zu mir:
„Melde dich doch mit an – das kostet kaum mehr und ist doch viel lustiger.“
Meine Skierfahrung stammte aus einem Schulausflug vor etwa 40 Jahren – in schlechter Erinnerung. Gruppenunterricht, Stürze, Panik am Skilift. Mein Fazit damals: Skifahren macht keinen Spaß.
Ich habe es nie wieder versucht.
Ich habe mich überreden lassen. Und es war großartig. Wir hatten viel Spaß, es hat gut geklappt, und nächstes Jahr bin ich wieder dabei – allein schon wegen der traumhaften Umgebung und der gemeinsamen Zeit mit meiner Familie.
Ich bin 56. Und ich weiß, dass ich mich niemals durch mein Alter von etwas abhalten lassen werde. Denn dabei gilt das gleiche wie beim Körper:
Nicht dein Leben an dein Alter anpassen – sondern dein Alter ans Leben. Lieber die Umstände anpassen.
Wer aus Angst vor dem Alter oder vor körperlichen Veränderungen beginnt, sein Leben einzuschränken, macht es jeden Tag ein Stück kleiner.
Ich möchte niemals aufhören zu leben – im übertragenen Sinn.
Als Nächstes steht Reiten lernen auf meiner Liste. Das wollte ich als Kind immer. Dieses Jahr werde ich es angehen. Nicht, weil ich mir etwas beweisen muss, sondern weil es mich nicht loslässt.
Wichtig ist mir nur, es auszuprobieren.
Um mir später nicht sagen zu müssen: Hätte ich bloß, solange noch Zeit war.
Das ist Leben.
Und genau darin liegt für mich Selfcare.
Dieser Text ist mein Beitrag zur Blogparade „Selfcare“, initiiert von Rani von rani-yoga.at.
Den Aufruf zur Blogparade findest du hier.

